2003

“Orden

Wir alle sind "ein klein bisschen Pisa",

erkennt die Schwarze Elf in der Session 2003

Mit "Bierologie" und "Hektoliteratur" zum Erfolg

Schweinfurt (Eva Landgraf) Für den Spott der Narren gibt es viele Namen. Ob Ulk, Schabernack und Jux; ob Ironie, Groteske oder Satire - die Aktiven der Schwarzen Elf ziehen alle Register.


Höhepunkte heraus zu stellen, das geht eigentlich gar nicht; denn Höhepunkte reiht die Narrenschar der Kolpingfamilie einfach aneinander. Da ist der eine etwas lauter, der andere nachdenklicher; einfach mal so auf die Pauke wird nur am Schluss beim Auftritt der Sunnyboys vom Baggersee gehaut.

Doch trotz der Erstklassigkeit von Helmut Backhaus, Fabian Wahler, Manfred Stark, Adi Schön oder etwa von Doris Paul nimmt Peter Kuhn unter den Redner eine Sonderstellung bei der Schwarzen Elf und auch beim gesamten Fasching in Franken ein.

Er jongliert mit der Sprache dermaßen gekonnt, dass Schillers Glocke ihm eine Vorgabe gibt, unsere Zeit unter einer kritischen Lupe zu sehen.

Wie nützlich die neuen Bahntarife zur Einlösung des Dosenpfandes sind, warum Männer niemals Wellness-Urlaub brauchen und wo man das "qualifizierende mittlere Abitur" erwirbt: Dies alles und noch viel mehr erfahren derzeit die Besucher der Schwarzen Elf.

"Wer für teures Geld schlecht regiert wird, muss wenigstens Anspruch auf gute Unterhaltung haben!" Dass aus einer solchen Erkenntnis heraus nicht nur der Steuersong, sondern auch ein gelungener Prunksitzungs-Abend entstehen kann, machte am Freitagabend die Schwarze Elf deutlich. Zu ihrer ersten von wiederum neun Sitzungen in der Stadthalle hatten die Kolpingnarren eingeladen, und erhielten von Anfang bis zum Schluss viel Applaus für ein durch und durch amüsantes, kurzweiliges Programm. Etliche deftige Sprüche zum Zeitgeschehen wechselten sich darin ab mit wunderbaren Beiträgen fürs Auge, mit Komik, Akrobatik und natürlich auch wieder den tiefsinnigen Anmerkungen von Peter Kuhn.

Mit Flöten-Musik und Trommelklang eröffneten die "Schweinfurter Stadtpfeifer" das Programm, in dem für weiteren Schwung die Garde des TSV 07 Grettstadt sorgte. "Von den blauen Bergen kommen wir", hieß das musikalische Motto der acht jungen Damen, die mit ihrem temporeichen Tanz ebenso begeisterten wie das erst im vergangenen Jahr entdeckte Kinder-Tanzpaar des Vereins. Sicherlich noch eine große Zukunft vor sich haben die erst elfjährige Melanie Lurz und ihr gleichaltriger Partner Marcel Saalmüller, in deren Darbietung schon jetzt Schwierigkeiten wie Rad, Spagat oder Hebe-Figuren nicht fehlten.

"Die Politik verschweigen uns viel, dafür erzählen uns Dieter Bohlen alles", lautete die Erkenntnis von Helmuth Backhaus, der einmal mehr als "Paparazzo" das gesellschaftliche und politische Geschehen beleuchtete. Mit einem alten Fahrrad, bei dem - ebenso wie bei der Bundesregierung - "hinten und vorne die Luft raus" sei, betrat er die Bühne, kommentierte äußerst genüsslich den Steuer-Prozess von Boris Becker, warf einen Blick auf die "Zähne aus dem Land des Lächelns" und stellte fest, dass Stoiber das Lächeln vergangen sei.

Das "Highlight von Ebenhausen" kündigte Sitzungspräsident Thomas Wildanger mit dem "Studenten" Fabian Wahler an. Etwas zum Lernen, "insbesondere für die mit den klapprigen dritten Zähnen", hatte der im Gepäck, denn sein Studium der "Freizeitwissenschaften" kombinierte dieser fleißige Mensch gleich noch mit den Fächern "Bierologie" und "Hektoliteratur". Klar, dass dieses "Studium" erst einmal mit einem Urlaubssemester begann, und kein Wunder, dass dies - geradeso wie im echten Leben - nur für sehr begrenzte Zeit gut gehen konnte.

Sie waren reif für den Zirkus und kamen doch "aus dem Knast": Als echte Bewegungskünstler erwiesen sich auch heuer wieder die zwölf Turnerinnen und Turner der Schwarzen Elf, die ihr Publikum zum Jubeln brachten angesichts eines wahren Feuerwerks von Wurf- und Hebe-Figuren, von Saltos, Rädern, Handständen und gewagtesten Sprüngen. Hätte diese Truppe "ausbrechen" wollen, der über mannshohe Zaun zum Publikum hin wäre für sie leicht zu überwinden gewesen. - Weniger leicht, und zwar über sein Alter hinweg, kam der mit seiner schon fast singenden, launig-fränkischen Vortragsweise bestens bekannte Manfred Stark. "Je älter die Bilder sin, umso jünger sieht mr drauf aus", lautete die bahnbrechende Erkenntnis dieses Gastes beim "Klassentreffen des Jahrgangs 1946", der das Älterwerden daran bemerkte, dass er sich an alles erinnern könne, was vor 40 Jahren gewesen sei. Nur das, was sich vorher ereignet habe, das habe er vergessen, meinte der Aktive.

"Mir gehn in die Stadt und sammeln Geld fürn Staat - und die Leut wern sich alle bedanken", lautete die hintergründig zynische Erkenntnis der "Eintagsfliegen" alias "die versammelte Familie Paul", die mit vereinten Kräften schaffen wollte bis 70, und wenns geht bis ins Grab; "und wenn was übrig bleibt, spendier mers dem Staat." - Die Gochsheim-Umgehung, "auf der keiner fährt", die Schnüdel, "die auf dem letzten Loch pfeifen", der viele Hunde-Kot im Fichtelsgarten und das Hallenbad am Geheegberg "mit seinem Me(e)hr-Wasser-Bereich für Dr. Kurt Vogel" zählten zu den Themen, die als "Frisör" Adi Schön aufs Korn nahm. Klar, dass auch ein Rezept zur besseren Belebung der Innenstadt nicht fehlte: "Vom Sommer bis zum Winter den Marktplatz beleuchten, den Beginn des Weihnachtsmarktes dementsprechend noch weiter vorziehen und frischen Zwiebelchriststollen mit heißem Federweißen anbieten!"

Gleich eine ganze Reihe von Frisören in knallig pinkfarbener Arbeitskleidung betraten beim Auftritt der Turn- und Tanzgruppe die Bühne. Denn von der "Berufsberatung" kam diesmal die unter der organisatorischen Leitung von Harald Scheuring und Uwe Ludwig, sowie unter der künstlerischen Gesamt-Leitung von Ingrid Klier stehende, derzeit 65 Mitglieder starke Truppe. Grazile Kellnerinnen tanzten so über die Bühne, gefolgt von fleißigen, Kisten stemmenden Bauarbeitern oder auch singenden ABC-Schützen, die unter der Aufsicht ihrer gestrengen Lehrerin agierten.

Stimmungslieder der Sitzungs-Musikgruppe "Quartetto" und der Schautanz der Garde aus Grettstadt leiteten über zu dem von Adi Schön moderierten zweiten Teil des Abends, zu dessen Glanzpunkten der Auftritt von Peter Kuhn gehörte. Mit der fast schon einzigartigen Idee, anhand von Zitaten aus Friedrich Schillers Gedicht "Die Glocke" brandaktuelle Missstände aufzuzeigen, machte er auch deutlich, dass - getreu dem Motto des Schwarze Elf-Abends - keinesfalls nur die Schüler sondern alle in der Gesellschaft "ein bisschen Pisa" sind; - beispielsweise wenn sie zulassen, dass Leute ganz oben stehen, "obgleich sie gar nichts können". Denn deutsche Jugendliche seien nicht dümmer als andere, es sei nur die Frage, nach welchem Vorbild sie streben, erklärte Kuhn und kam sofort auf "miles and more-Politiker" zu sprechen, die ohne Tugend und somit kein Vorbild für die Jugend. "Die Wahl war spannend, doch hatten wir eine Wahl?", fragte der Redner angesichts eines Herrn Stoiber, der sich viel versprochen und angesichts eines Herrn Schröder, der uns viel versprochen habe. Da helfe nur die Einsicht, dass der Name der Glocke, die nun über Deutschland ertönen müsse, "Concordia Germania" lauten müsse. Doch dieser Zustand lasse sich nur erreichen, "wenn alle an einem (Glocken-)Strang ziehen". Wesentlich leichtere Kost verteilten anschließend die beiden "Bade-Urlauber in Griechenland", Doris Bretscher und Oliver Friedrich. Herzlich lachen durfte man da schon beim Anblick der Akteure, die in den sicherlich neuesten Mode-Schrei, den rosa-blauen Strick-Badeanzug, gehüllt waren. Helle Freude über doofe Sprüche zuhauf kam aber auch auf angesichts der Feststellung, dass der griechische Götterboote Herpes sei und manche Leute zwar nicht transpirieren, jedoch "schwitzen wie die Sau".

Urkomisch war auch der Anblick des Blumen-Sträußchen tragenden Männerballetts "auf dem Wiener Opernball", das in seinen beigen Taft-Kleidchen und mit einem herrlich starr-doofen Gesichtsausdruck zwar nicht den Links-, aber doch den Rechtswalzer tanzte. Und nicht weniger Freude im Saal verursachte Doris Paul, die - im weißen Bademantel und mit einer Gurken-Maske im Gesicht - den Narren-Saal betrat. "Das Geheimnis schöner Haut is, dass mer se mit Dreck vollhaut!", verkündete diese "Wellness-Queen", die umfassend von ihren Erlebnissen auf einer Beauty-Farm berichtete; - natürlich nicht ohne zu erläutern, was sich in Wahrheit hinter dem Begriff "Beauty-Farm" verbirgt: "Ein Schönheits-Bauernhof, auf dem man viele Hühner, Ziegen und Gänse antreffen kann".

Nur die "Faschingsmuffel", die zum "Elternabend an der Johann-Wolfgang-von-Muffel-Gesamtschule" eingeladen hatten, vermochten da noch eins drauf zu setzen. Unter dem Stichwort "Bildungsmisere" zogen sie ins lächerliche, dass an deutschen Schulen allzu viel gelernt werde, was niemand mehr brauche, und dass Schüler allzu wenig wüssten von dem, was sie wissen müssten. Herrlich, wie der 43jährige Prüfungs-Kandidat in Wiederholung, "Roland Brewolschewitz Brewinski", nach einer solchen Ausbildung auf die Frage antwortete, was er über deutsche Musiker des 18. Jahrhunderts wisse: "Alle tot", erklärte der Kandidat und hatte damit nur einen von vielen, vielen Lachern auf seiner Seite; - das Lachen eines wunderschönen Abends, der mit dem geräuschvollen Aufmarsch der "Sunnyboys vom Baggersee" zu Ende ging.

Quelle: "Schweinfurter Volkszeitung" vom 27.01.2003