2006

“Orden

"Habemus mammam! - Wir haben eine Kanzlerin!"

"Habemus mammam! - Wir haben eine Kanzlerin!"

Schweinfurt · Helmuth Backhaus kam zu der Erkenntnis, dass ein Bayer eher Papst werde als Bundeskanzler, und auch Sitzungspräsident Ludwig Paul spottete kräftig, als er mit Wirtschaftsminister Glos "ausgerechnet einen Franken" als einflussreichsten Bayer in Berlin ehrte. Kurzum: Stoiber und andere "Engel" bekamen ihr Fett ab, bei der Schwarzen Elf, die am Wochenende auf ihren drei ersten von neun Prunksitzungen in der Stadthalle spielte.

Mehr als 200 Aktive auf und hinter der Bühne unterhielten ihr Publikum, mit vielsagenden Reden, bestechend schönen Tänzen, atemberaubender Artistik und purem Klamauk. Großes Lob den Schneiderinnen der Kolping-Narren, die der Turn- und Tanzgruppe lebensechte, farbenprächtige Samba-Kostüme auf den Leib geschneidert hatten und so schon ohne Tanz für eine Augenweide sorgten. Wunderbar auch die von Katharina und Michael Kitz ausgearbeitete Choreographie für die Turner, und nett die Idee, zum 70. Geburtstag von Pfarrer Roland Breitenbach die zwei Uralt-Figuren "Stasi und Blasi" auferstehen und sie die städtischen Geschehnisse kommentieren zu lassen.

Ein voluminöses "Bad Windsheim, Oho!" ließ am Freitag die Stadthalle erzittern, denn im Gefolge der trommelnden und flötenden Stadtpfeifer der Schwarzen Elf zog das Prinzenpaar von der "KG Windshemia" durch den Saal. Mit schwungvollem Tanz eröffnete die Garde der mittelfränkischen Gäste die Bühnen-Schau, ehe mit Deutschland-Schal und -Fahne der "Fußball-Fan" Helmuth Backhaus vor sein Publikum trat.

Ganz schön frech waren die Kommentare dieses Betrachters der Schlagzeilen von 2005, der sich darauf freute, im Sommer mit den Tunesiern "endlich mal wieder richtige Fußballer" im Schweinfurter Stadion zu sehen. Aus dem Süden des Freistaats wusste er zu berichten, dass "nur wegen dem Trittin, der die Rücknahmepflicht von Flaschen durchgesetzt hat", sich jetzt der Huber und der Beckstein ärgern müssten, und für die Heimatstadt des neuen Papstes sah er eine Umbenennung in "Vermarktl am Inn" voraus. Selbstverständlich wusste der Akteur auch, was eine "Gas-Pipeline" ist: Eine Leitung für "Geld an Schröder".

Mit allem, was sich ereignen wird, beschäftigte sich die "Zukunftsforscherin" Ingrid Klier. Die seit Jahren für beste Leistungen als künstlerische Leiterin der Tanzgruppe bekannte Aktive wagte sich erstmals in die Bütt'; - und lieferte mit Eis, das es statt als Gletscher bald nur noch am Stiel geben werde, sowie mit Operationen, die jeder selbst durchführen müsse, eher trübe Aussichten. - Ein kleiner Anstoß mit dem Queue, und schon rollten die Turner der Schwarzen Elf mit zahlreichen Rollen als Billardkugeln daher. Doch dies war nur der harmlose Beginn einer Vorführung, die mit Handstand-Überschlägen, Saltos vor- und rückwärts, mit Sprüngen in die und aus der Liegestütz eine Menge Mut, Kraft, Balance und Ausdauer erforderte. Zahlreiche komplizierte und einfallsreiche Hebe-Figuren krönten die Darbietung der 13 Artisten, die den anhaltenden Applaus des Publikums mehr als verdient hatten.

Unter Wasser herrscht Ruhe
Nicht gerollt oder geflogen, sondern geschwommen kam der "Taucher" Fabian Wahler. Beim Kurs im Roten Meer war er auf geradezu umwerfende Erkenntnisse gestoßen. So etwa, dass Sauerstoff der beißende Geruch zwischen zwei Kneipen sei, oder dass Taucher, nur weil sie vor Wut kochen, noch längst keine Tauchsieder seien. Im übrigen bräuchten Frauen unter Wasser wesentlich weniger Luft als Männer; - weil sie dort nichts reden könnten.

Ein Leporello aus Rabatt-Karten schleppten die fünf singenden "Eintagsfliegen" der Familie Paul mit sich. Sie verdeutlichten, was all diese Treue-Karten mit der Rückentwicklung des Menschen zum Jäger und Sammler zu tun haben; getreu dem Motto: "Mit Lebensmitteln, Kleidern und beim Fahren, je mehr du ausgibst, umso mehr kannst du sparen!" Der Hauptpreis dieser Kuriosität? Ein Urinstein, im Ring gefasst; freilich nur nach zehnmaligem Austreten am Roßmarkt-Klo. - Schier endlos ist die Zahl an kleinen, mittelgroßen und erwachsenen Mitgliedern in der Turn- und Tanzgruppef, die "getanzte Lebensfreude in den ärmeren Ländern der Welt" in Szene setzte. Quer über die Kontinente, von Afrika über die Karibik bis nach Mexiko und Brasilien, durfte der amerikanische Tourist da reisen; von den afrikanischen Arbeitern bis zur Samba Brazil in Rio.

Kaum nach steht seinen weiblichen Kollegen das 15köpfige Männerballett aus Bad Windsheim. Durchtrainiert und akkurat zauberten die Gäste vom Freitag einen "ländlichen Schautanz" auf die Bühne, strapazierten dabei aber ordentlich das Zwerchfell ihrer Zuschauer. Gleich mehrfach den Tusch der Sitzungskapelle "Quartetto" heimste Peter Kuhn ein. Schon immer verstand es dieser Akteur, in geschliffenen Vorträgen mit hintergründigen Anmerkungen Themen zu verbinden, die nicht zusammengehören. So kam er diesmal als Klosterbruder, "geschickt zur Mission in ein schwieriges Land, Deutschland". Schon war die Brücke da, zwischen Papstwahl und Kanzlerwahl, Weltjugendtag in Köln, Stoibers Kapriolen und Fußball-Fest. Dass Christentum oft laut propagiert, aber nicht immer auch praktiziert werde, war da zu hören; oder, dass die evangelische Merkel und der katholische Müntefering für Deutschland eine ökumenische Regierung bildeten.

Ein Stoiber nicht von dieser Welt
"Die CDU läutete mit Hochgenuss, für Angela ein Angelus", spottete der Redner; doch in Wahrheit habe der "schwarz-rote Rauschgoldengel" sein Amt allein dem Vorgänger Schröder zu verdanken. Dieser habe sich nun abgesetzt zu seinem Freund, dem "Gasputin", während Angela "Deutschland dienen" wolle; - was auch ins kirchliche Frauen-Bild passe. Derweil könne man Stoiber mit einem Klosterbruder vergleichen, weil "die Wege dieses Herrn wunderbar sind". - "Doch wer sich alles offenhält, ist nicht ganz dicht auf dieser Welt", wetterte Peter Kuhn.

Als "Stasi und Blasi" mischten Adi Schön und Ludwig Paul das Stadtgeschehen auf, in Erinnerung an Walter Zänglein, der einst zusammen mit Roland Breitenbach in diese Rolle geschlüpft war. Natürlich gab's da Anspielungen auf die deutlich besseren Finanzen der Stadt, oder auf das gespannte Verhältnis zwischen Oberbürgermeisterin und Landrat. Beide wurden deshalb aufs hoch gespannte Hochseil verbannt, wo sie ihn im Sparkassenstreit an der langen Leine lasse, um danach zu sagen, wo's lang gehe. Zu erfahren war auch, wie tiefgründig in den ersten Wochen nach Eröffnung des Silvana-Bades der Werbespruch "Wasser und mehr" zu verstehen gewesen sei, und, warum das neue Zollamt Spiegel-Fenster erhalte. Kein Blatt vor den Mund nahmen die beiden mit ihrer Feststellung, dass der Bischof in Würzburg zwar höhere Weihen, aber niederen Verstand besitze, weil der Bischof aus Frankreich nicht auf Besuch zu Breitenbach habe kommen dürfen.

Doris Bretscher und Thomas Spath mimen auf der Bühne die Eltern von "Sohn" Oliver Friedrich, und was lag näher, als dass diese Klamauk-Truppe sich heuer mit dem Trend-Sport Nordic Walking befasste. Das Publikum durfte sich biegen vor Lachen, angesichts wahrer "Meister" in diesem Sport, die über die Bühne hechelten, als hätte man ihnen die Ski geklaut, und die sich fragten, ob Hundesteuer zu entrichten sei, wenn man sich einen Wolf laufe. Keine Erholungsmöglichkeit für das Zwerchfell gestattete der Anblick des Männerballetts der Schwarzen Elf. Denn im weißen Tüll-Röckchen mit Eisblume "schwebten" dessen Akteure als "Schneeflöckchen" über die Bühne, und leichter Pulverschnee war dabei ebenso vertreten wie schwerer, nasser Pappschnee.

"Ein Mann gehört, 's nicht gelogen, beim ersten Bissen Brot gezogen", verkündete Doris Paul, und entwickelte sich zur "Super-Nanny" für die bessere Hälfte. Wie man den Herren der Schöpfung das Rülpsen und andere Geräusche bei Tisch abgewöhnt, war da zu erfahren, und auch, wie die Dame des Hauses künftig zum Shoppen gehen kann, während er spült, kocht und saugt.

Den Hof, ein Leben lang
Nicht weniger verrückt ging es bei den "Faschingsmuffeln" auf dem Bauernhof zu. Eine 40minütige Lachnummer bot diese fünfköpfige Spaß-Truppe ihrem Publikum, getreu dem Motto: "Wenn einer a Bäuerin heiert, dann macht die ihm a Leben lang 'n Hof." - "Es sei denn, der Bauer stirbt Anfang Mai, dann ist der Mai für ihn vorbei! Und wenn die Frau am Grab dann kichert, so war er Allianz versichert!"

In Clownskostümen beendeten die 18 Blasmusikanten der "Sunnyboys vom Baggersee" die Narrenschau. Eine Schau, die noch an den beiden kommenden Wochenenden jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag spielt. Karten über Georg Hümpfer, Tel. (09721) 45986.

© Eva Landgraf
Quelle: Volkszeitung Schweinfurt vom 23. Januar 2006