2016

“Orden

"Dunkelsitzung"

Auch Gründungsmitglieder bestätigten:
So etwas hat es in der über 60 jährigen Geschichte der Schwarzen Elf noch nicht gegeben!

SCHWEINFURT · Auch Gründungsmitglieder bestätigten: So etwas hat es in der über 60 jährigen Geschichte der Schwarzen Elf noch nicht gegeben: Totalstromausfall! Durch einen Trafobrand im Umspannwerk Oberndorf waren Teile der Stadt und somit auch die Stadthalle komplett ohne Strom.

Die Ereignisse aus Sicht des Sitzungspräsidenten:

Chronologie eines Stromausfalls – Bericht aus der Stadthalle, Samstag 16. Januar 2016:

Ca. 23:10 Uhr Alles läuft normal, Peter Kuhn ist in der Bütt, die Pointen sitzen, das Publikum ist dabei, ein großer Schlussapplaus wird ihm sicher sein. Nächster Programmpunkt sind die Ehrungen, Dr. Anja Weißgerber, MdB, Kathi Petersen, MdL und Dr. Roland Krieg, ein Freund aus Mainz, vom MCV. Es wird eine interessante und sicherlich unterhaltsame Ehrung werden. Plötzlich bricht die Rede von Peter Kuhn ab, sämtliche Scheinwerfer sind aus, nur eine vergleichsweise schummrige Beleuchtung, die für einigermaßen Übersicht sorgt. Mir ist klar, hier ist nicht aus Versehen ein Stecker gezogen worden oder mal eine Sicherung ausgefallen, das ist etwas Größeres, denn alle, auch voneinander unabhängige Beleuchtungen, Bühne, Saal, Dekoration, alles ist aus. Im ersten Moment gebe ich der Musik Zeichen, einen Schunkler zu spielen, aber sie spielen nicht, klar sie haben auch keinen Strom.

Peter ist inzwischen aus der Bütt und unterhält das Publikum mit turnerischen Gesten. Lustig!

Ich gehe von meinem Platz, will vor an die Bühnenkante, nur von hier aus kann man das Publikum auch ohne Lautsprecher erreichen. So wie sich die Situation darstellt, ist das etwas Größeres, notfalls muss vielleicht sogar der Saal geräumt werden. Von der Bühnenseite bekomme ich schon die Information, dass nicht nur in der Stadthalle, sondern auch auf der Straße im ganzen Viertel kein Strom mehr da ist. Eine Information, die ein Stück weit beruhigend ist. Wenn der Stromausfall von außen kommt, besteht Hoffnung, dass es vielleicht bald wieder Strom gibt. Wir müssen die Zeit überbrücken. Mir fällt Fredl Fesl ein, der hatte in einem Konzert als vierte Zugabe, als er nichts mehr spielen wollte, einfach einen Kopfstand gemacht. Kopfstand konnte ich auch mal, ich werde es wieder versuchen!

Noch war die Aufmerksamkeit der Leute, durch die Aktionen von Peter, auf der Bühne. Das musste unbedingt so bleiben, denn nur dann konnte ein ungeordnetes Agieren oder gar panikartige Handlungen vermieden werden. Also gab es Standup Comedy! Ich informierte das Publikum, dass überall Stromausfall war und dass ich jetzt etwas tun werde, was ich seit 1985 nicht mehr gemacht habe: nämlich einen Handstand! Gejohle! Es scheint zu funktionieren, jetzt also den Handstand zelebrieren, möglichst viel Zeit gewinnen. Peter macht mit, agiert als mein „Assistent“, das Publikum ist dabei, kommentiert, eine Besucherin wird unfreiwillig von Peter als Helferin mit auf die Bühne geholt, das Publikum ist begeistert.

Von links unten kommt plötzlich ein Tusch! Die „Sunnyboys vom Baggersee“, eigentlich Schlussnummer mit brassiger Blasmusik, haben sich formiert, stehen im Saal bereit. Was ich später erfahre: sie haben die Situation erkannt, kein Strom keine Musik! „Hier hilft nur noch „Pressluft“!“ war der Ausspruch und sie haben ihre Instrumente ausgepackt! Auch Klemens Hoffelner von der Band hat sein Schifferklavier ausgepackt, das er immer dabei hat, obwohl er Keyboard spielt. Klasse, wir haben wieder Musik! Das ist gut, wieder eine Möglichkeit, Zeit zu gewinnen.

Plötzlich ist ein Bauscheinwerfer da, ohne Kabel auf Akku Basis. Unsere karnevalistischen Gäste vom RCV Roth hatten ihn dabei für ihren Schautanz und haben ihn spontan wieder ausgepackt. Ein Helfer unserer Bühnentruppe hält ihn hoch und agiert sozusagen als lebendes Stativ. Hinterher hat er mir gesagt: „Ich hab gedacht mir fallen die Arm‘ ab, lang hätt ich’s nimmer ausgehalten!“ Eine tolle Truppe! Wir haben also auch wieder Bühnenbeleuchtung!

Wir ziehen die Handstandnummer durch, es macht Spaß, das Publikum ist dabei.

Die Sunnyboys ziehen nun mit Einzugsmarsch auf die Bühne, ich informiere Jonas schon beim Einlaufen auf der Bühne, dass sie anschließend den „Vogelbeerbaum“ spielen sollen. Ein „Lumpeliedla“, das sie heuer ohnehin im Repertoire haben und bei dem das Publikum mitsingen kann, so ist das Publikum unterhalten und eingebunden.

Ich werde in den Sprechpausen immer wieder mit Informationen versorgt. Es heißt, auch Umlandgemeinden wie Dittelbrunn haben keinen Strom. Ich gebe die Infos ans Publikum weiter. „Auch Dittelbrunn ist ohne Strom“ schreie ich laut, „es wird vermutet….“ Ich spreche in kurzen Abständen, ich rufe laut mit den Händen am Mund, dass mich alle hören können, „es wird vermutet…die Hambacher sitzen auf der Leitung“ Die Pointe sitzt! J Das Publikum ist dabei, so langsam werden alle zu einer eingeschworenen Gemeinschaft.

Das Licht, das die Stadthalle in einer tauglich hellen Schummrigkeit liegen lässt, ist , wie ich jetzt erfahre, die Notbeleuchtung, die bei Stromausfall automatisch einspringt. Die Batterien halten, ca.3h, wird mir gesagt. Die Versorgung mit Infos ist super, ich gebe sie immer in humorvoller Weise ans Publikum weiter.

Wir sind soweit und wollen den Vogelbeerbaum singen, da bekomme ich ein Mikrofon in die Hand gedrückt und….das ist fast wie ein Wunder: Es funktioniert! Ich bin deutlich überrascht und beeindruckt. Hintergrund, wie ich später erfahre: Auch die Stadthalle eigenen, im Saal eingebauten Lautsprecher, die wir normalerweise nur für den Pausengong benutzen, haben eine Notversorgung! Prima, ein Hoch auf unsere gute alte Stadthalle! Unsere Tontechniker, allen voran Pit, haben es geschafft, die uralten Mikrofone flott zu machen. Ich habe ein Mikrofon, das funktioniert. Super denke ich mir, mit Sitzungskapelle und Mikrofon können auf jeden Fall alle Redebeiträge problemlos durchgezogen werden.

Das Publikum jubelt, als plötzlich meine Stimme durch’s Mikrofon erklingt! Wir singen den Vogelbeerbaum, ein schönes fränkisches Liedla, die Sunnyboys ziehen sich zurück, eine kleine Einheit bleibt als „Sitzungskapelle“ auf der Bühne. Ich sage Peter Kuhn an, der seine Rede fertig macht. Vorher frage ich ihn noch, Peter, wo machst du weiter? Er, fast verwundert über diese Frage: „Na da wo ich aufgehört habe!“ Ich hätte nach all dem Trubel nicht mehr gewusst, wo ich aufgehört habe, das ist halt Peter Kuhn: Perfekt!

Ich kehre während der Rede an meinen Platz im Elferrat zurück, mittlerweile ist sogar schon ein zweites Mikrofon da, das geht, wie machen das diese Teufelskerle von der Technik? Während der Rede von Peter Besprechung mit Thomas Wildanger, meinem Vizepräsident. Er versorgt mich mit Informationen, obwohl er gerade erst auch bei den Sunnyboys als Trompeter dabei war. Das Männerballet kann auch auftreten, erfahre ich. Die Boys haben zu Probezwecken einen alten Gettoblaster, der mit Akku geht, d.h. über die Mikrofone ist eine Musikeinspielung möglich. Perfekt! Damit kann das Programm fast regulär ablaufen. Fabian Wahler ist als nächster Redner dran. Dann Jonas mit Gitarre. Auch das klappt, weil mittlerweile ein drittes Mikro flott ist, mit dem die akustische Gitarre abgenommen werden kann. Es läuft!! Zwar mit Bauscheinwerfer und menschlichem Stativ und knisternder Tonqualität, aber es läuft!!!! Verrückt ich bin begeistert und unheimlich stolz auf diesen verrückten Haufen, der sich „Schwarze Elf“ nennt.

Ich muss raus zum Umziehen für „Stasi und Blasi“. Im Halbdunkel ziehe ich mich um und erfahre dabei, was so alles hinter der Bühne gelaufen ist. Matthias und Adi haben als Krisenstab im Hintergrund alles geregelt, waren ständig mit allen in Kontakt, haben sich mit den anwesenden, für die Sicherheit zuständigen Feuerwehrleuten permanent abgesprochen, sind gewuselt und rotiert, dass alles klappt. Was ich auch später erst erfahren habe: Der „Krisenstab“ hat auch schon für den Fall vorgesorgt, dass wir einen totalen Stromausfall, selbst ohne Notlicht, hätten. Ganze Trupps von Aktiven, ausgerüstet mit Taschenlampen, die von Zuhause oder aus Autos geholt wurden, standen bereit, um im Fall des Falles im Saal für Licht zu sorgen. Zwei PKW wurden vor der Stadthalle geparkt um notfalls die Treppe und den Ausgang ausleuchten zu können, damit die Stadthalle sicher geräumt werden könnte. Es war für alles gesorgt! Wow! Wie toll. Dann plötzlich, während des Vortrages von Jonas, gerade an der Stelle als er von den Geldscheinen als „Universal-Schein, der für alles gilt“ um sich wirft, geht das Licht an, der Strom ist wieder da. Jonas kommentiert schlagfertig: „Da seht ihr, was so ein „Schein-Werfer“ alles bewirken kann!“

Strom ist da, die Sitzung kann noch beruhigt und ohne Komplikationen weitergehen und endet, fast pünktlich mit nur ca. 15 min Verspätung um 0:45 Uhr.

Alle haben ohne großes Aufhebens und ohne in Panik zu verfallen, jeder an seinem Platz mit seinen Fähigkeiten, dazu beigetragen, dass dieser Stromausfall bravourös gemeistert wurde. Was für eine tolle Gemeinschaft!!!!

Am nächsten Morgen, als ich den Text für das diesjährige Totengedenken formuliere, fällt mir dieses Zitat von Cicero zu, das auf die vergangene Nacht passt, wie kein anderes:

„Sichere Freunde erkennt man in einer unsicheren Situation“ wie wahr!

© Ludi Paul
Quelle: Schwarze Elf

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