2012

“Orden

Das Gewissen der Fastnacht

Peter Kuhn: Wie kein Zweiter in der Region beherrscht der Büttenredner aus Oberwerrn die Kunst ders geschliffnen Worts. Zum 20. Mal wird er 49-Jährige heuer bei "Fastnacht in Franken" auftreten. Besuch bei einem Schauspieler aus Leidenschaft.

Die Straßen in Oberwerrn haben wohlklingende Namen. Sie heißen: Am Bonland. Wiesengasse. Im Tal. Philosophenweg. Hier muss er doch wohnen, Peter Kuhn. Wenn nicht im Philosophenweg, wo dann? Ein Straßenname wie erfunden für ihn. Aber Peter Kuhn wohnt hier nicht. Es geht noch einmal um eine Ecke, hinein in die Werntalstraße, dann steht der Besucher vor dem Haus, in dem Frankens scharfsinnigster Büttenredner lebt: Peter Kuhn von der Schwarzen Elf in Schweinfurt. Wenn es stimmt, dass eine Wohnung viel über den Charakter des Bewohners verrät, dann gehört diese einem humorvollen Menschen mit Hirn, der keinen großen Wert auf Schnickschnack legt. Funktional, so könnte die Einrichtung auch umschrieben werden. Auf dem Esstisch liegt das Jahresheft 2011 des Magazins „Der Spiegel", in der Garderobe hängt die Perücke für den nächsten Auftritt und im Wohnzimmer, hinter dem Sofa, wächst eine Regalwand an die Decke, darin Seit' an Seit' bunte DVDs. Es mögen Hunderte sein. Die Simpsons. Heinz Erhardt. Dick & Doof. Peter Kuhn liebt Stan Laurel und Oliver Hardy, er besitzt eine umfassende Sammlung ihrer Filme. Vielleicht ist es ihm also ganz recht, dass die Adresse so lautet wie sie lautet. Werntalstraße statt Philosophenweg.

Dabei ist Peter Kuhn durchaus ein Denker. Aber ein Nietzsche der Narretei? Das wäre dem Pädagogen zu dick aufgetragen. Der 49-Jährige ist geerdet, arbeitet als Erzieher im Haus Marienthal, einer evangelischen Einrichtung für Kinder, Jugendliche und Familien in Schweinfurt, und wer ihn fragt, ob er sich aufgrund der großen Erfolge die Maskerade als Büttenredner hauptberuflich vorstellen könne, der fängt sich eine Antwort ein, die schneller daher kommt als eine Kugel aus Lucky Lukes Revolver: „Nein, nie!" Kuhn, ledig, liebt seine Unabhängigkeit. „Mein Beruf verschafft mir eine sichere Basis", sagt er. So muss er sich in der Fasenacht „nicht anbiedern". Er kann auswählen und es sich leisten, auch mal nein zu sagen. Das hält ihn wachsam und bewahrt ihm auch einen kritischen Blick auf die Branche, die bisweilen gar nicht so lustig daherkommt, wie sie nach außen immer tut.

„Das Niveau in der Fastnacht ist ja manchmal schon sehr fragwürdig. Da ist das Publikum gar nicht so blöd, wie es manchmal gehalten wird. Der Klamauk gehört zur Fastnacht", sagt Peter Kuhn, „aber ich beobachte zwei Strömungen nicht ohne Sorge." Die eine nennt er die Comedysierung des Faschings. Humor werde beliebig, wenn er das ganze Jahr im Stil eines Atze Schröders betrieben werde. „Wenn Leute im Sommer einen Faschingszug machen, dann werden sie aus dem Verband ausgeschlossen", kritisiert Kuhn, „aber wer im Sommer die gleichen Witze erzählt, der darf das." Beim Faschingsnachwuchs erkennt er den Trend in der Region, „dass jetzt jeder den Michl Müller machen will". Witze, Gags, Lieder, über die Bühne springen wie ein entfesselter Duracell-Hase, „ich bin schon zu Auftritten gekommen", erzählt Peter Kuhn und das unausgesprochene Fragezeichen steht ihm auf der Stirn geschrieben, „da hatten sie gar keine Bütt mehr". Die Akteure wollen doch gesehen werden, sagten die Veranstalter dann. Kuhn antwortete: „Aber ich will gehört werden." Seine Forderung: „Das Niveau muss rauf und nicht runter."

Für die zweite Strömung hat der Erzieher auch ein Wort parat, er nennt sie die Politisierung des Faschings. „Viele Kabarettisten, die früher über die Fastnacht die Nase gerümpft haben, nutzen jetzt die Popularität dieser Bühne." Jeder dürfe ja seine Meinung ändern, sagt Kuhn. Aber auch hier, so scheint es, nervt ihn die Ganzjahresberieselung durch alle Kanäle. Humor als grundsätzliche Lebensphilosophie, das findet er richtig, ja wichtig sogar.

Aber auch ein Vulkan spuckt nicht ständig Lava. Er nennt es so: Alles kulminiert irgendwann, alles hat 4 seine Zeit. Kein Mensch käme doch auf die Idee, sagt Peter Kuhn, im Sommer Weihnachten zu feiern. Deshalb gefällt ihm die Fernsehsendung „Fastnacht in Franken" mit ihrem Live-Charakter. Sie sei geprägt von den Merkmalen des Faschings, „sie ist nicht beliebig und könnte nicht so ohne Weiteres im Juni ausgestrahlt werden". Er selbst wird in diesem Jahr zum 20. Mal dem Volk die Leviten lesen mit seiner leicht näselnden Sprache und einer Wucht der Worte, die sich manchem erst in der Wiederholung erschließt. Wie im vergangenen Jahr: Jetzt diskutiert man wieder scharf / ob Wikileaks so was verraten darf / statt sich zu fragen ganz betreten / wie Amis über Freunde reden. Das war so ein typischer Kuhn. Leiser Knüller statt lauter Brüller. Mit dieser Art hat er viel Preise in der Fastnacht abgeräumt.

Erst neulich erhielt er in Burgkunstadt den „Goldenen Schuh". Den Goldenen was? Richtig, nicht gerade der Nobelpreis der Narren, aber Kuhn fuhr gerne nach Oberfranken, auch wenn er weiß, dass mit den Preisträgern Aufmerksamkeit hergestellt werden soll. „Trotzdem ist es schön, wenn dich jemand für preiswürdig hält." Denn das heißt, „dass deine Art geschätzt wird".

„Das Niveau muss rauf und nicht runter." Peter Kuhn über die Beiträge in der Fastnacht

Und seine Art unterliegt Regeln. Schlüssiger Aufbau der Rede, roter Faden, moralische Prinzipien: „Das Privatleben von Menschen gehört nicht auf die Fastnachtsbühne, es sei denn, sie haben es selbst zum Thema gemacht", sagt Peter Kuhn, so etwas wie das Gewissen der Fastnacht. „Man macht sich auch nicht über Unglücke oder Dramen lustig, sondern höchstens darüber, wie manche Leute damit umgehen."

Die Reden, erzählt Peter Kuhn, entstehen meist um Weihnachten herum, „da lege ich mich auf die Figur fest". Das Jahr über macht sich der Büttenredner keine Notizen, „denn wenn ich ein Ereignis vergessen habe, dann hat es das Publikum auch". Er blättert in einem Jahresrückblickmagazin und hält sich an die großen Dinge. So kommt es, dass er manchmal bis kurz vor dem ersten Auftritt an seiner Rede feilt, „manchmal brauche ich den Druck". Kuhn sagt aber auch: „Ich vertraue mir. Mittlerweile hilft mir auch die Erfahrung." Neulich hatte er trotzdem einen Albtraum: „Da sehe ich, wie der Sitzungspräsident mich ankündigt und ich stehe da und habe keine Rede." Doch in der Realität hat es noch immer funktioniert - und wie. Ob als Arzt für Deutschland, als Abgesandter aus Rom oder als Erklärer der Rechtschreibreform, seit zwei Dekaden ist Kuhn ein Garant für hintergründigen Reim. Dabei kommt er aus einer Familie, „die mit Fasching nichts am Hut hatte". Als Kind in Bad Mergentheim war sein Höhepunkt der Narretei die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz", das sei die einzige Sendung gewesen, „bei der man länger aufbleiben durfte". Aber Peter Kuhn schrieb gerne Gedichte, immer schon, und so wurde er irgendwann der Schwarzen Elf empfohlen. 1991 folgte die Premiere in der Bütt, er hat sie bis heute nicht verlassen. „Fastnacht in Franken", sagt der Pädagoge, „hat für mich tatsächlich eine besondere Relevanz." Die Sendung hat ihn über die Grenzen der Region hinaus bekannt gemacht, er wurde gebucht in Wiesbaden, in Kiel, in Düsseldorf. Vor allem der Auftritt in der Altbierstadt am Rhein hat bei dem Fasenachter einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Das war ein schreckliches Erlebnis", sagt Peter Kuhn, „dort gibt es keine Seele, dort ist Karneval eine große Geschäftemacherei." Draußen im Flur, auf der Kommode liegt das Paket eines Kostümversands. Es enthält eine griechische Kutte. „Nur zur Sicherheit", sagt Peter Kuhn, „falls die Schneiderin nicht fertig wird." Aber natürlich ist sie fertig geworden. In diesem Jahr wird er in der Fastnacht als griechischer Göttervater Zeus erscheinen, die ersten Blitze hat er in Schweinfurt und Würzburg und anderswo geworfen.

30 bis 40 Auftritte hat er in dieser Session, in Nürnberg wurde er sogar noch für den politischen Aschermittwoch gebucht. Danach steigt er aus der Bütt und schlüpft in eine andere Rolle: In dem französischen Stück „Oscar" von Claude Magnier spielt er die Hauptrolle. Jene Rolle, die der unvergessene Louis de Funs 1967 ins Kino gebracht hat. „Schon als Kind hatte ich Schauspieler werden wollen", sagt Peter Kuhn, „mich hat's immer zur Bühne gedrängt." Er ist zufrieden, so wie es ist. Junge Oberwerrner Bühne statt Burgtheater Wien. Werntalstraße statt Philosophenweg.

© ACHIM MUTH
Quelle: Schweinfurter Volkszeitung