2005

“Orden

Hohe Politik und Theseus am Pranger

Schweinfurt (10.01.2005) - Stadthalle "Wir sagen nicht unser Faschingstreiben auf Grund der Flutwelle ab", betonte Sitzungspräsident Ludwig Paul bei der Auftakt-Sitzung der Schwarzen Elf am Freitag. Leid im Kleinen wie im Großen gebe es immer und überall. "Wir wollen nicht mehr, aber auch nicht weniger, als mit Frohsinn wenigstens für Stunden solches Leid lindern!"

"'s wird scho widder wern!" - Das bereits vor Monaten festgelegte Motto 2005 der Schwarzen Elf gewann so eine tiefere Bedeutung als ursprünglich vorgesehen, bei einer Sitzung, in der über Pointen von Fabian Wahler ebenso herzlich gelacht wurde wie über das Komik-Dreigestirn Bretscher/Friedrich/Spath.

"Big Bosse fühl'n sich als die Großen und sorgen für die Arbeitslosen", geißelte eindeutig zweideutig der Aktive Peter Kuhn seinen Bundeskanzler - und andere Bosse. Und Schwung ins Publikum brachte mit ihren Schunkelliedern die Sitzungskapelle "Quartetto". Lediglich den Titel "Helau, helau, helau, heut' is der Vadder blau" hätte sie sich sparen können. Denn das Catering-Team in der Stadthalle war zumindest teilweise mit dem "Verwöhnen" der rund 500 Menschen im Saal überfordert; und wer da trocken saß und seinem Unmut Luft machte, den interessierte es nicht, ob so ein Zustand von der Küche oder vom Saal-Personal zu verantworten war.

"Vor wenigen Tagen sangen wir noch 'Ihr Kinderlein kommet', und jetzt sind sie schon da", meinte der Sitzungspräsident zum Auftritt der "Schweinfurter Stadtpfeifer", deren Einzug mit Flöten und Trommeln wie immer die Sitzung eröffnete.

Über den Auszug aus dem "Hotel Mama" und die Erfahrungen mit den eigenen vier Wänden berichtete Fabian Wahler. Wie schon in vergangenen Jahren war auch dies wieder eine Nummer mitten aus dem Leben des Akteurs, dessen Publikum sich mit lautem Applaus bedankte; für eigenwillige Definitionen der Begriffe "Elektrizität" oder "Rap-Musik" ebenso wie für die Erklärung, in welcher Situation man mit einer Frau nicht über "Küche, Bad und Wohnzimmer" spreche.

Ausgezeichnete Tanz-Darbietungen zauberten in der Sitzung am Freitag die Garde-Mitglieder des RCV Roth auf die Bühne. Schillernd, nicht nur in Bezug auf ihre farbenprächtigen Kostüme, zeigten sich die mittelfränkische Mariechen-Tanz-Meisterin Conny Weißhäupl und ihre "Kollegin" Juliane Haase, die Handstand-Überschlag vorwärts und rückwärts zeigten, Räder ohne Hilfe der Hände schlugen, nebenbei in den Spagat sprangen und bei zahllosen Pirouetten wirkten, als wäre ihr Körper aus Gummi. Die Garde tanzte zu Melodien aus "My fair lady" und dem "Weißen Röss'l", und bestechend schön in Choreographie und Kostümen war der Schautanz unter dem Titel "Spinnenwelten".

Den "armen Poeten" und mit ihm einen "Spitzweg", der im Museum Georg Schäfer nicht zu sehen ist, setzte Helmuth Backhaus in Szene. Wie schon früher als "Paparazzo" wurde er auch in dieser Rolle zum "Protokollant" der Jahresereignisse, und kräftig ihr Fett weg bekam dabei Monika Hohlmeier, die kurzerhand ins "Dschungelcamp" versetzt wurde und seitdem wisse, wie gefährlich ein "Strauß" sei. Zum deutschen Fußball stellte er fest, dass dessen Mannen doch stets ihr Bestes gäben - "der Kahn auch bei einer Jüngeren" - und sein Kommentar zum Thema "Doping bei Olympia" lautete: "Herr Doktor, ich bin viel zu lahm, gibt's da nicht was von Ratiofarm?" Die Steigerung von Helmut Kohl sei "Köhler", verkündete der Akteur, und was die Bild-Zeitung angehe, so werde diese wohl schon bald nicht mehr existieren. Schließlich habe sie selbst die Abschaffung der "Schlechtschreibreform" gefordert.

"Back to the roots", die in der Steinzeit liegen, turnten sich mit ihren Tiger- und Leopardenfell-Schürzchen die sechs Turnerinnen und vier Turner der Schwarzen Elf. Akrobatik pur mischte sich da mit kunstvoll-tänzerischen Elementen, die von einfallsreichen Hebe- und Sprungfiguren sowie von variantenreichen Pyramiden gekrönt wurden. - "Es lebe der Sport", hieß es auch bei der Turn- und Tanzgruppe. Dauerbehandelt wurde von ihr der schwerkranke Herzpatient, während von den kleinsten über die mittleren bis hin zu den erwachsenen Tänzern alle in Bewegung blieben und damit verdeutlichten, wie man in jedem Alter mit Schwimmen, Baseball, auf Skiern oder beim Tanzen vorsorgen kann.

"Früher machten wir Flecken auf den Klamotten mit Benzin weg, heute ist ein neuer Anzug billiger", meinten die "Eintagsfliegen". Unter dem Motto "lieber fernsehgeil als radioaktiv" erkannten sie die unschlagbaren Vorteile des Kabelfernsehens, und natürlich nahm die fünfköpfige Truppe auch wieder den Zweikampf zwischen Mann und Frau auf. "Ein Mann im Salzsäurefass ist ein gelöstes Problem", und "die Steigerung von 'Powerfrau' heißt Rinderwahnsinn."

Was in der Stadt so alles an "Hausmüll" anfiel, wusste der "Müllmann" Adi Schön. Dass man Gartenamt und Bauhof zusammengelegt habe, sei etwa genauso klug wie den Rasenschnitt zum Restmüll zu werfen, und kräftig lästern musste der Akteur sowohl über den Namen als auch über die Preise des neuen Silvana-Bades. Kritisiert wurde die besondere Liebe der Oberbürgermeisterin zur Kunst, vor allem bei "Theseus", ebenso wie Mauscheleien und andere Kuriositäten, dank derer der FC 05 jetzt doch noch 100 Jahre alt werde. Und innerhalb einer "Lichtspielstadt", wo Johanniskirche, Rückert-Denkmal und Rathaus nächtens hell erstrahlten, dort müsse man auch die Ruinen beleuchten; - nachdem man die Portraits ihrer Eigentümer auf die Wände gemalt habe.

"Eins ist klar im Bundeshaus, freiwillig geht da keiner raus; denn jeder denkt mit sturem Sinn, ich bin der Star, lasst mich hier drin!" So unverblümt wetterte Peter Kuhn, der in Safari-Kleidung vors Publikum trat und nicht mit Promis, sondern mit Politikern im "Dschungelcamp von Deutschland", aber auch mit TV-Serien, die immer mehr an der Menschenwürde nagten, ordentlich abrechnete. "Schröder träumt sich zum Boss der Bosse, und schert sich wie ein Dschungelkönig um die Genossen hartzlich wenig", hieß es da. In die Sendung "The Swan" schickte Kuhn die CDU-Vorsitzende Angela Merkl: "Nur aus einem Schönheitswahn wird aus der Ente dann ein Schwan!"

Allein beim Anblick der - sagen wir "vollschlanken" - Doris Bretscher, die zum "Muttertag" im vorne etwas tiefer und hinten etwas höher gerutschten Mini-Rock daher kam, durften die Zuschauer sich kugeln vor Lachen. Nach 25 Jahren wenigstens einmal hätte "Mutter" ins Restaurant wollen. Doch natürlich setzten sich der "Familienvater" Oliver Friedrich und der "Sohn" Thomas Spath wieder mit ihrer Grill-Idee durch. Mutter müsse ja auch nichts machen außer Salat und Pommes, hieß es. Ansonsten bekomme sie einen Gummihammer; - damit sie sich sämtliche Geschenk-Wünsche gleich aus dem Kopf schlagen könne.

Viel gelacht wurde auch bei Manfred Stark, der als "Vergnügungswart" im Verein tätig wurde, und dabei einen mimte, "der immer schafft und nie was sagt; kurz einen, der für alle den Deppen macht". Kein Wunder also, wenn der Akteur feststellte: "Wenn jeder wüsst', was er im Ehrenamt machen muss, dann wär' mit Ehrenämtern ganz schnell Schluss!" - Hinter Gittern verschwand der ganze Elferrat zum Auftritt der "schwarzen Elfchen" aus dem Männerballett. Wie gut, dass die Besatzung des "Traumschiff Enterprise", kurioserweise gekleidet in Seidenstrümpfe und Tütü, daherkam und die "Affen" wieder befreite.

"In dubio pro Deo", hieß es bei den "Faschingsmuffeln", die diesmal "am Gericht" um sich sprühten, und an das Gute im Menschen nur noch glaubten, "wenn einer was Gutes gegessen hat". TV-Gerichtssendungen wurden da verrissen und Gesetzeslücken gestrickt, durch die alle Großen leichter kommen als kleine Sünder. Stille herrschte im Saal, als "offen und ehrlich miteinander geredet" wurde, und Gelächter brach los, als es um den Exhibitionisten ging, bei dem nicht klar war, ob er einen sitzen oder einen stehen hatte. Nur die lauten "Sunnyboys vom Baggersee" konnten solcher Komik noch das Wasser reichen, als sie in Friesennerz und Gummistiefeln einzogen und den "Holzmichl" spielten.

Eva Landgraf
Quelle: Volkszeitung Schweinfurt vom 10. Januar 2005