2000

“Orden

Ludwig Paul verwirklicht diese Idee als Präsident der „Schwarzen Elf“


Prunksitzung als Missionsaufgabe eines aktiven Christen

SCHWEINFURT · „Die Zuschauer zu erfreuen und Denkanstöße zu geben“ - darin sieht Ludwig Paul,. Sitzungspräsident der „Schwarzen Elf“ und Kopf der „Eintagsfliegen“, seine Aufgabe.

Man muss nicht katholisch sein, aber christlich denken, so beschreibt er das Lebensgefühl der „Schwarzen Elf“, die ein Projekt der Kolpingsfamilie widerspiegelt. Er will nicht abgehoben sein und nur für eine Elite Fasching präsentieren. Show- und Akrobatikeinlagen, Büttenreden oder tänzerische Darbietungen, alles steht unter dem Motto: „Es muss den Zuschauern gefallen und darf nicht ins Obszöne ausufern.“

Als Sitzungspräsident bestimmt er, welche Darbietungen in das Programm Aufnahme finden. Nichts desto trotz bleibt die, Verwirklichung ein großartiges Werk vieler Mitwirkender mit familiärem Charakter. Aus eigener Erfahrung erzählt er den langen Weg von der Idee bis zur Vollendung seiner Show der, „Eintagsfliegen“. 1989 hatten sie in Vertretung für die „Siebenschläfer“ die kabarettistische Showeinlage als „Eintagsfliege“ geschaffen. Aus dem Ersatz wurde jedoch ein so großer Erfolg dass die Gruppe im Programm blieb.

Kurz nach Weihnachten schreibt er die meisten Texte. nach seinen Ideen und probt sie mit Schwägerin, Bruder, Schwester und dem Vater im Elternhaus. Ganz bescheiden will er den Erfolg auch an seine Mutter weitergeben, die die Hemden bügelt, für Stärkung sorgt und sich kritisch mit ihren Einfällen auseinander setzt. Manchmal, so berichtet er fast schwermütig, bleibt es wahrlich ein Opfer: „Bei schönem Wetter würde ich am liebsten mit meiner Frau und meinen drei Kindern im. Schnee spazieren gehen, aber dann entscheide ich mich doch für die Kunst.“ Er fügt fast unhörbar hinzu: „Manchmal schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel. Lieber Gott, zeig mir die Richtung an, wie ich die Prunksitzung gestalten soll!“ Das Thema Kolpingfamilie und Fasching prägten sein ganzes bis bisheriges Leben. Nach dem Umzug seiner Eltern vom Spessart hierher in alles bei einer Nikolausfeier der Kolpingjugend an. Er machte seine Späße und karikierte Situationen, Mängel und Probleme. Das kam so gut an, dass man ihm riet, doch zu Hans Driesel zu gehen. Dieser förderte ihn, gab ihm Tipps. so dass er nach wenigen Jahren Büttenreden verfassen konnte, die kritiklos übernommen wurden. Heute stellt er fest, dass sein Lehrer einen wichtigen Beitrag leistete, sein künstlerisches Potenzial zu entwickeln. Nach dessen Vorbild versucht er selbst jetzt in Funktion des Präsidenten, die Büttenreden väterlich zu kommentieren und im Gespräch mit den Menschen ihre guten Einfälle zu perfektionieren. „Schließlich muss, ich das hohe Niveau der Faschingssitzung wahren“, gibt er zum Besten.

Er gibt zu, dass es sicherlich nicht leicht für den Künstler ist, mit Kritik fertig zu werden, und er sieht auch die Arbeit die dahinter steckt. Die Vorbereitungen der Tanzgruppen beginnen schon im September und die der Büttenredner im November. Oft ist es gerade der Mithilfe der Familie zu verdanken, dass viele Shows überhaupt in Szene gesetzt werden können. So berichtet er von einem Pärchen mit zwei Kindern, die ihre Teilnahme der Oma verdanken, weil sie mehrere Tage in der Woche die Kinder betreut. Aber der Fasching sollte keineswegs das Familienleben zerstören, sondern vielmehr Menschen im Rahmen der christlichen Selbstverwirklichung vereinen.

Die Erfahrung zeigt, dass die Darsteller die Veranstaltung lieben und in sie wie in eine Familie hineinwachsen. Meistens fangen die Kinder schon mit etwa fünf Jahren in der Kindertanzgruppe an und setzen später ihre Karriere in der Jugendtanzgruppe fort. Auch die Stadtpfeifer bieten dem Nachwuchs ein großes Betätigungsfeld. Mit viel FingerspitzengefühI trifft Ludwig Paul die Auswahl und sorgt für die richtige Mischung. Sein Ziel ist es, Müllmann und Bankdirektor zu begeistern, und die Mühe hat sich dann besonders gelohnt, wenn sich ein Besucher nach einem schlechten Tag durch die Veranstaltung besser fühlt. Seinen etwa 600 Zuschauern pro Faschingssitzung will er Denkanstöße mit auf den Weg geben. Menschen und Kirche sollen nicht verunglimpft werden, wobei zeitkritische Themen nicht ausgespart werden.

Die Mitglieder der Kolpingsfamilie wollen sich als Personen darstellen, die aktiv im Leben stehen und genau wissen; was die Menschen berührt. Junge Menschen werden nach und nach einbezogen und langgediente Mitglieder gehen - entweder sie verabschieden sich oder sie sterben, wie zum Beispiel Walter Zänglein. Sicherlich findet man neue Showeinlagen und Künstler mit neuen und guten Ideen, die den Fasching kreativ gestalten, aber der Mensch Walter Zänglein ist dadurch nicht zu ersetzen. Früher hielten sie eine stille Andacht an seinem Grab, heute gedenken sie aller verstorbenen Mitglieder. „Es ist gut zu wissen, dass es noch etwas anderes gibt als nur Fasching und mitten im Trubel die Stille wiederzufinden“, erklärt Ludwig Paul. Auch wenn die Toten nicht mehr am Fasching teilnehmen, so bleiben sie doch im Herzen der Menschen bestehen. Trauer und Freude sind eng verbunden, zum Leben gehört die Feier.

Humane Eintrittspreise, bis zu 25 Mark, ermöglichen jedem, die Sitzung mitzuerleben. Die Menschen sollen über ihre Probleme lachen können, und hier ist es egal, ob ein junger Darsteller mit seiner bestandenen Führerscheinprüfung das Lebensgefühl eines Teenagers widerspiegelt oder Peter Kuhn mit hohem geistigen Potenzial die Beratung der Schwangeren aufgreift und auf die Not der Frauen hinweist. Immer wieder steht Ludwig Paul in Kontakt mit den Leuten und wartet auf ein Feedback. Er will ein Präsident zum Anfassen sein und deswegen freut er sich sehr, dass die Kinder der Turnergruppe ihn darauf aufmerksam machten, dass er eine Helferin vergessen habe zu würdigen.

Alle nimmt er ernst und jede Arbeit weiß er zu schätzen. Denn darin liegt das Geheimnis ihres Erfolges, dass jedes Mitglied sich für die Show verantwortlich fühlt und aktiv mithilft. Dabei kommen alte Erinnerungen in ihm hoch: „Spät ein Abend bei nachlassender Konzentration habe ich die falsche Person aufgerufen. Ich musste mich nicht verbessern, weil die Verantwortlichen hinter der Bühne die von mir angesagte Büttenrednerin auf die Bühne schickten.“ Genau dieser Zusammenhalt prägt den christlichen Geist der , Kolpingsfamilie. Symbolisch erhält jeder Helfer einen Orden. Sicherlich - so räumt er ein - gebe es hier und da Unstimmigkeiten oder auch einmal Neid, aber im Grunde finden sich doch alle zusammen und suchen nach besten Kräften den Teamgeist zu bewahren.

Besonders schön wird von allen Teilnehmern die verlängerte Nacht empfunden. Nach der eigentlichen Veranstaltung treffen sich alle Mitwirkenden, und da kommt es schon mal vor, dass die Tanzgruppe das Männerballett nachahmt oder andere Aktionen in fröhlicher Stimmung imitiert werden. Solche Momente erleben sie nur unter sich. Alle geben sich Mühe, auf den anderen zu achten und ihn nicht zu verletzen. Die Mitwirkenden dürfen auch mal Fehler machen oder es darf auch etwas schief gehen, meint Ludwig Paul. Genau hier lässt sich der christliche Geist erkennen, der den Wert des Menschen für höher achtet als nur die reine Vermarktung der Kunst. Für ihn bleibt der Mensch wertvoll. Diese religiöse Botschaft bleibt sicherlich ein wichtiger Denkanstoss und sollte in vielen Vereinen und Betrieben Eingang finden. Gleichzeitig handelt er nach dem Grundsatz von Papst Johannes XXIII: „Nimm Dich nicht so wichtig!“

© EVA-MARIA VOGEL