66 Jahre Schwarze Elf Schweinfurt

von Peter Kuhn

Im Spätsommer 1954 setzte ein beruflich in Schweinfurt weilender Kolpingssohn aus Bingen dem späteren Sitzungspräsidenten Erich Roos und seinen Freunden den Floh ins Ohr, einen Elferrat zu gründen, denn anstelle der bisherigen bunten Abende könnte man ja auch Faschingssitzungen abhalten. So entstand 1954 die „Schwarze Elf“ als Teil der Kolpingsfamilie Schweinfurt, am 06.02.1955 fand die erste Sitzung im Kolpinghaus statt, und 2020 feiert die „Schwarze Elf“ ihr 66-jähriges Bestehen als närrisches Jubiläum.

Von Beginn an zeichnete sich die „Schwarze Elf“ durch eine hohe Kontinuität aus. Es ist bemerkenswert, dass es in der gesamten Geschichte der „Schwarzen Elf“ lediglich zwei Gesellschaftspräsidenten gab, als das Amt im Jahre 1969 eingeführt wurde: Josef Keller und Georg Hümpfer - und jeder prägte die Gesellschaft auf seine Weise! Es gab bisher auch nur vier Sitzungspräsidenten: Erich Roos, Herbert Heidrich, Hans Driesel und Ludwig Paul. Und dabei waren es vor allem die beiden letztgenannten, die die „Schwarze Elf“ nach ihren Anfängen zur heutigen Blüte und Qualität im Programm führten. Hans Driesel legte (zusammen mit Walter Zänglein) den Grundstein für die literarische Ausrichtung der Fastnacht nach Mainzer Prägung. Und Ludwig Paul setzte diese Tradition seit 1995 fort und entwickelte die Linie für ein modernes Publikum weiter. Solch eine personelle Kontinuität sucht man bei anderen Fastnachtsgesellschaften vergeblich.

Die „Schwarze Elf“ ist zu Recht stolz darauf, dass sie ihr gesamtes Programm nur mit eigenen Kräften bestreitet. Sämtliche Wort- und Gesangsbeiträge sind kreative Eigenschöpfungen. Als Mann der ersten Stunde ist Walter Zänglein dabei unvergessen - sei es in seinen zahlreichen Büttenreden in verschiedensten Rollen oder in kongenialer Partnerschaft mit Philipp Müller (später: Roland Breitenbach) als „Stasi und Blasi“. Nach dessen Tod wurde ein paar Jahre später Peter Kuhn zum literarischen Aushängeschild der Gesellschaft. Die beiden sind sich offiziell nie begegnet, doch Peter Kuhn führte die politisch-gesellschaftskritische Rede im Sinne Walter Zängleins auf seine eigene Weise weiter.

Aber auch viele andere Büttenredner, Sänger und Gruppen sind noch in bester Erinnerung - sie hier alle aufzuzählen, würde den Umfang bei weitem sprengen. Redner der „Schwarzen Elf“ waren und sind gern gesehene Gäste auf den Bühnen befreundeter Gesellschaften und Botschafter des närrischen Frohsinns. Doch die „Schwarze Elf“ leistet noch mehr: Sie betreibt echte Nachwuchsförderung, indem sie immer wieder jungen Bühnentalenten eine Chance gibt, sie gezielt fördert und ihnen Zeit zum Reifen und zur Entwicklung zur Verfügung stellt.

Auch bei Musik und Tanz setzte die „Schwarze Elf“ schon immer Glanzlichter. Eine einzigartige Stellung nimmt dabei die Turn- und Tanzgruppe ein, die aus den Freizeitgruppen von SKF hervorgegangen ist. Die Turner sind mittlerweile für ihre akrobatischen Höchstleistungen bekannt, das Männerballett zeigt humorvolle Travestie ohne jegliche Plattheit - und in der großen Tanzshow werden alle Altersgruppen von den Jüngsten bis zu den Ältesten vereinigt. Nur zu einer eigenen Garde hat es die „Schwarze Elf“ (bewusst) nie geschafft - diese wird jeweils aus befreundeten Gesellschaften eingeladen.

Bei all dieser Qualität im Programm war es kein Wunder, dass sich auch der Zuspruch des Publikums über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. Den ersten drei Sitzungen 1954 im Kolpinghaus folgten bald immer mehr Zusatzvorstellungen, bis man bei knapp vierzehn Veranstaltungen pro Session angekommen war.

1967 beschloss man den Wechsel vom engen Kolpinghaus in die große Stadthalle und fing dort wiederum mit zunächst drei Sitzungen an. Doch auch das reichte nicht, bis auch in der großen Stadthalle bis zu zwölf Sitzungen stattfanden. In der heutigen Zeit mit vielfältigeren Unterhaltungsmöglichkeiten als früher hat sich die Zahl mittlerweile wieder auf neun Sitzungen eingependelt - aber das ist immer noch ein Rekord in Franken! Und wenn man die reinen Zuschauerzahlen betrachtet, erreicht die „Schwarze Elf“ mehr Personen als manch eine Veranstaltung im Rheinland. Nachdem es nie einen offiziellen Kartenvorverkauf gegeben hat, ist dies umso erstaunlicher: Früher musste man tatsächlich einen kennen, der einen kennt, der an Karten gelangen konnte. Heute ist die Sache (auch dank Internet) deutlich einfacher.

Im Laufe der Zeit wurden auch die Medien auf die „Schwarze Elf“ aufmerksam - in erster Linie der Bayerische Rundfunk mit der Sendung „Fastnacht in Franken“, welche in diesem Jahr die 33. Ausstrahlung feiert. Seit 1987 wirkte eine ganze Reihe von Schwarzen Elfern bei „Fastnacht in Franken“ mit: Hans Driesel, Sepp Ehrlitzer und Karl-Heinz Hennig, Andrea Tögel, Hanna Uhlmann, die Siebenschläfer, Doris Paul, Manfred Stark, Jonas Paul, Marco Breitenbach, die Turner - sowie natürlich Peter Kuhn. Seit 1992 ist er nahezu ununterbrochen Stammgast dieser Sendung und mit insgesamt 28 Auftritten auch derjenige Aktive, der bisher am häufigsten in „Fastnacht in Franken“ zu sehen war. Seit Bestehen der fränkischen Fernsehfastnacht gab es somit kein Jahr, in dem nicht mindestens ein Beitrag der „Schwarzen Elf“ zu sehen war. Der Bayerische Rundfunk war mit der Sendung „Franken helau“ bereits dreimal zu Gast in Schweinfurt - auch das ist fränkischer Rekord! Bei „Wehe, wenn wir losgelassen“ sowie der „Närrischen Weinprobe“ waren und sind unsere Aktiven ebenfalls häufig vertreten.



Auch beim Fastnachtsverband Franken, der 2019 sein 66-jähriges Bestehen feierte, ist die „Schwarze Elf“ gut angesehen durch die Mitarbeit in diversen Ausschüssen und Schulungen. Hans Driesel war langjähriger Kurator des Deutschen Fastnachtsmuseums in Kitzingen, und Ingrid Klier kann man heute noch für eine Führung durch das Museum buchen.

Um langjährige Mitwirkende zu würdigen, dafür gibt es Fastnachtsorden. Anlässlich des 66-jährigen Jubiläums wurde bei der „Schwarzen Elf“ ein neuer Verdienstorden geschaffen für Mitwirkende, die mindestens 33 Jahre aktiv in der Gesellschaft dabei sind. Beim Ehrenabend am 09.11.2019 wurde dieser Orden das erste Mal verteilt, und so standen denn auch über 50 Personen auf der Bühne. Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass viele Mitwirkende bereits als Kinder in der Turn- und Tanzgruppe anfangen - und der „Schwarzen Elf“ auch später in verschiedenen Aufgabenfeldern treu bleiben. Der neue Ehrenorden zeigt verschiedene Narren vor einer Weltkugel; herausragend dargestellt ist der Schalksnarr der „Schwarzen Elf“, wie er über Jahrzehnte hinweg von Ingrid Klier verkörpert wurde. Ein Spruchband zitiert Hans Sachs: „Ich weiß, die Welt ist voller Narren, denn jeder Mensch hat einen Sparren!“

66 Jahre „Schwarze Elf“ sind also eine echte Erfolgsgeschichte in der fränkischen Fastnacht. Auch wenn einzelne Persönlichkeiten herausragen, ist es vor allem das Gemeinschaftsgefühl und der Zusammenhalt, der diese Gesellschaft auszeichnet. Die „Schwarze Elf“ zeigt sich in ihrer 66. Kampagne deshalb genauso wie ihr diesjähriges Motto - witzig und spritzig! Sie geht auch lange noch nicht in Rente - denn mit 66 Jahren, da fängt die Narrheit bekanntlich erst an! Es bleibt zu wünschen, dass sich diese Begeisterung für das närrische Brauchtum auch noch die nächsten 66 Jahre halten wird.



20. Januar 2020
Text: Peter Kuhn